Funyula Vision e.V.

Bericht einer unserer Patinnen über ihren Besuch der Schule im Juli 2016

Heute ist der große Tag - wir werden unsere Patenkinder am St. Zachariah Education Centre besuchen. Pünktlich um 8.00 Uhr holt uns unser Fahrer von unserem Hotel ab. Von Busia bis zur Schule sind es ungefähr 30 km und wir wollen gegen 9.00 Uhr dort sein. In den Straßen von Busia herrscht schon reges Treiben, auch wenn es im Vergleich zum Vortag noch relativ ruhig ist. Die meisten Straßenstände sind noch nicht wieder aufgebaut. Und auch beim Grenzübergang zu Uganda hat sich noch keine Schlange gebildet, so dass wir uns ohne weitere Umwege auf den Weg machen können. 


Die geteerte Straße in Busia wird schnell zu einer Gravel Road. Auch wenn der Zustand der Straße für afrikanische Verhältnisse wirklich gut ist, ist es eine staubige Angelegenheit. Die Pflanzen am Straßenrand sind alle mit einer feinen roten Staubschicht überzogen. Über Matayos geht es nach Ganyala, wo wir in Richtung Funyula abbiegen müssen. Obwohl unser Navi uns bis hierher gut geführt hat, fragen wir an der Abzweigung lieber noch einmal nach, denn die „Straße" nach Funyula gleicht eher einer Hauszufahrt. Kaum, dass wir abgebogen sind, haben wir das Gefühl eine unsichtbare Grenze überschritten zu haben. Die Straße ist eng und voller Schlaglöcher, die Armut scheint hier allgegenwärtig zu sein. Die Gesichter der Menschen am Wegesrand sind ernst, teilweise spiegeln sie auch Hoffnungslosigkeit wider. Auf einmal taucht auf der Straße ein Junge in der gelb-blauen Schuluniform des ZEC auf und kommt uns enthusiastisch winkend entgegen gelaufen. Wir winken zurück und freuen uns über das fröhliche Gesicht. Jetzt wissen wir, es ist nicht mehr weit. 

Pünktlich um 9.00 Uhr fahren wir vor dem Schultor des ZEC vor. Leider ist von der schönen Bemalung, die wir auf Freds Fotos sehen konnten, praktisch nichts mehr vorhanden. Anscheinend haben Ausbesserungsarbeiten das Übermalen der bunten Schriftzüge und Bilder erfordert. Der Wachmann öffnet uns das Tor, so dass wir auf den Schulhof fahren können. Ein Großteil der Kinder scheint sich in den Klassenräumen zu befinden. Nur ein paar Kinder laufen auf dem Schulhof herum und beobachten neugierig unsere Ankunft. 

 

 

Als wir aussteigen, kommt auch schon Fred aus seinem Büro auf uns zu. Die Begrüßung ist herzlich. Fred scheint sich über unseren Besuch wirklich zu freuen. Elisabeth, erfahren wir, wird später auch noch zu uns stoßen, sie ist aber jetzt gerade noch mit den Kindern beschäftigt. Wir gehen zunächst in den Raum, den Fred als Büro nutzt. Der Raum ist nur spärlich möbliert, scheint aber seine Funktion zu erfüllen. Hier steht auch der Computer, der für die höheren Klassen angeschafft wurde. Jeden Tag wird er komplett auf und nachmittags wieder abgebaut, u. a. auch um ihn vor dem feinen Staub zu schützen, der allgegenwärtig ist. 

In dem Gespräch mit Fred herrscht eine fröhlich-entspannte Atmosphäre. Wir besprechen, was wir an diesem Tag alles machen wollen und was möglich ist. Es ist die letzte Woche vor den Ferien und es werden gerade die Term-Prüfungen geschrieben, d. h. normalen Unterricht, wie wir ihn gerne gesehen hätten, wird es nicht geben. Trotzdem wollen wird durch die Klassen gehen, um vielleicht das eine oder andere im Gespräch zu erfahren. Aber zunächst holt Fred Marion und Edna aus ihren Klassen, damit wir unsere Patenkinder kennenlernen können. Als die beiden durch die Tür kommen, erkenne ich sie sofort. Zu meiner Freude sind sie nicht so dünn, wie ich es befürchtet hatte. Beide sind wohl ziemlich aufgeregt und schauen uns zunächst nur ehrfürchtig an. Wir versuchen, ihnen die Scheu zu nehmen und zeigen ihnen auf dem Smartphone ein kleines Video mit Grüßen von unseren Kindern. Das gefällt ihnen! 
Dann versuchen wir ein einfaches Gespräch, merken aber schnell, dass ihre Englischkenntnisse doch sehr begrenzt zu sein scheinen. Selbst einfache Fragen wie „When does school start?“ scheinen sie schon zu überfordern. Später stellen wir fest, dass der Kenntnisstand der einzelnen Schüler wohl sehr unterschiedlich ist. Besonders in den oberen Klassen sprechen einige Schüler wirklich gut Englisch. 
Da wir die letzte Bestellung verpasst haben, haben wir Marion und Edna ihre neuen Rucksäcke sowie etwas Kleidung direkt aus Deutschland mitgebracht. Die Freude ist natürlich groß. Hier wird wieder deutlich, wie sehr die Kinder sich über Dinge freuen, die bei uns zu Hause als selbstverständlich angesehen werden.
Marion und Edna müssen nun wieder in ihren Klassenraum, wir werden sie jedoch gleich bei unserem Rundgang durch die Klassen wiedersehen. 

Wir beginnen gleich neben Freds Büro mit den Kleinsten, der Babyclass. Fred geht voran und wird mit einem vielstimmigen „Good Morning, Sir“ begrüßt. Auch uns begrüßt der fröhliche Kinderchor. Große Augen, leises Kichern. Ja, Mzungus sieht man eben nicht alle Tage... ;-)
Der Raum der Babyclass ist relativ klein und von der Nachbarklasse nur durch eine dünne Strohwand getrennt. Durch das große Fenster kommt aber trotz der räumlichen Enge viel Licht in den Raum. Bei der anwesenden Lehrerin erkundigen wir uns, was in ihrer Klasse gelehrt wird. Wir erfahren, dass die Kleinen auf Englisch bereits bis 20 zählen und auch das Alphabet aufsagen können (und bekommen auch gleich eine Kostprobe davon). Was auffällt, ist, dass die Kinder das ABC (ähnlich wie bei uns) nicht nach Buchstaben, sondern nach Lauten lernen und aufsagen. 

Da die Nachbarklasse wohl auch sehr gespannt auf uns ist - einige Kinder haben schon mal durch die Wand geschaut, um einen Blick auf uns zu erhaschen - verabschieden wir uns und gehen weiter zur nächsten Klasse. So besuchen wir eine Klasse nach der anderen. In vielen Räumen ist keine Lehrkraft, da ein Großteil der Lehrer im Lehrerzimmer mit dem Korrigieren der Term-Prüfungen beschäftigt ist. Trotzdem ist es mucksmäuschenstill und die Kinder beschäftigen sich mit ihren Arbeitsaufträgen. Das beeindruckt uns sehr. 

In der Pre-Unit korrigiert die Lehrerin die Prüfungen im Klassenraum, so dass wir einen Blick auf die Tests werfen können. Die Tests sind standardisiert und werden von Fred so fertig gekauft. Hierdurch ergibt sich eine Vergleichbarkeit auch mit anderen Schulen. In der 5. Klasse können wir einen Blick in die Schulhefte werfen. Dort scheint das Thema „Gesunde Ernährung, Vitamine, Mineralien etc.“ gerade behandelt zu werden. 

Insbesondere in den höheren Klassen stellen wir den Kindern immer eine Frage: "Was gefällt euch besser: Schule oder Ferien?" Trotz mehrfacher Nachfragen (einmal schicken wir sogar Fred aus dem Raum, damit die Kinder unbefangen antworten können) kommt immer die Antwort „school“. Die Kinder scheinen sich an der Schule wirklich wohl zu fühlen und zu Hause warten auf die meisten nur Arbeit und andere Verpflichtungen. 
Bei der Highschool schauen wir nur kurz herein. Hier werden gerade Prüfungen geschrieben. Da wollen wir natürlich nicht stören.

Nach dem Besuch der Klassen, beginnen wir mit einem Rundgang über das Schulgelände. 
Von außen können wir einen Blick in das Boarding-Haus werfen. Die Betten stehen eng aneinander. Derzeit sind im Boarding laut Fred 80 Kinder untergebracht. Fürs nächste Schuljahr plant Fred neben der Errichtung des Klassenraumes für die 3. Klasse der Highschool auch den Bau eines neuen Gebäudes für das Jungen-Boarding. Mit dem neuen Jungen-Boarding will Fred vor allen Dingen eine größere räumliche Distanz zwischen Mädchen und Jungen schaffen. 

Als Waschbereich für die Boarding-Kinder gibt es einen kleinen, von einer Mauer umschlossenen Bereich, der innen in drei Teile aufgeteilt ist. Hier können die Kinder wohl auch duschen.

Es gibt nach wie vor Probleme mit der Wasserpumpe. Nach den Erkundigungen, die Fred eingeholt hat, scheint dies mit der Trockenheit und dem gesunkenen Grundwasserspiegel zusammenzuhängen, so dass Fred dazu übergegangen ist, die Pumpe nur noch alle drei Tage anzuwerfen. So scheint es besser zu funktionieren.

Neben den ursprünglichen Toiletten, die zusammengebrochen waren, hat Fred innerhalb von drei Wochen neue Toiletten bauen lassen. An der Konstruktion scheint sich gegenüber den ehemaligen Toiletten nichts Wesentliches geändert zu haben. Es gibt jeweils 7 Toiletten für die Jungen auf der einen Seite und die gleiche Anzahl für die Mädchen auf der anderen Seite. Die Toiletten liegen etwas abseits auf dem Schulgelände. Wenn man näher kommt, wird der Grund hierfür schnell klar - der Geruch den die Toiletten verströmen, ist nichts für empfindliche Nasen. Auch scheinen einige der Kinder beim Treffen des Loches im Boden noch so ihre Schwierigkeiten zu haben... Jedenfalls beneiden wir diejenigen Schüler, denen der Reinigungsdienst heute zufällt, nicht. Der Reinigungsdienst für die Toiletten scheint umschichtig zu gehen - im Lehrerzimmer hängt ein entsprechender Plan aus, wobei die unteren Klassen nicht zur Reinigung eingeteilt werden.

Zusätzlich zu diesem Toiletten-Gebäude wird an anderer Stelle des Schulgeländes bereits an einem zusätzlichen Toilettenhäuschen gebaut. Die Grube hierfür ist schon zur Hälfte ausgehoben. 

Um einen Überblick über das gesamte Schulgelände zu bekommen, machen wir mit Fred einen kleinen Spaziergang auf einen Hügel hinauf. Vorher gibt Fred uns noch einen kurzen Hinweis, dass ab hier das Schlangengelände beginnt. Es könnte durchaus vorkommen, dass wir einer schwarzen Mamba begegnen würden. Für uns, die wir festes Schuhwerk an den Füßen und keine Angst vor Schlangen haben kein Problem - höchstens ein leichtes Bedauern, dass wir im Zweifelsfall nicht die richtige Kamera dabei hätten. ;-) Aber ich muss an die Kinder denken, die jeden Tag mit leicht bekleideten oder gar nackten Füßen dieser Gefahr ausgesetzt sind. 

Der Pfad, den wir einschlagen, scheint längere Zeit nicht benutzt worden zu sein. Zunächst kommen wir noch gut durch das Dickicht, später müssen wir einige Male umkehren und einen anderen Weg suchen, weil das Gestrüpp einfach zu dicht ist, und es kein Durchkommen gibt. Schließlich kommen wir oben an und werden mit einem Blick auf die sanften Hügel und das Schulgelände belohnt. Von hier oben sieht man gut die Anordnung der Gebäude, die - wenn ich die Fotos aus den Anfangszeiten richtig erinnere - früher wesentlich enger beieinander gestanden haben. Nach dem Neubau einiger Gebäude dürfte sich die Lichtsituation in einigen Klassen so wesentlich verbessert haben. 

Wir machen ein paar Fotos und kehren dann wieder zur Schule zurück. 

Als wir zu Freds Büro zurückkommen, erwartet uns Elisabeth bereits.

Auch Elisabeth begrüßt uns freudig und umarmt uns herzlich. Sie freut sich sehr, dass wir nicht nur Fred, sondern auch sie mit einem kleinen Gastgeschenk bedacht haben. Elisabeth scheint eine sehr fröhliche, aber auch energische junge Frau zu sein, die Fred sicherlich eine große Hilfe ist. Ihre Augen sind überall (sich vorm Händewaschen drücken, gibt es z. B. nicht - auch nicht für die Kleinsten ;-) ) 

Fred holt Marion und Edna wieder aus ihren Klassen, und dann geht es los: Wir machen uns auf den Weg, Ednas und Marions Familien zu besuchen. Elisabeth und Fred begleiten uns. Zum Glück ist unser Mietwagen groß genug, sodass nur Edna und ich uns einen Sitz teilen müssen. Während der kurzen Fahrt werfen die beiden Mädchen immer wieder verstohlene Blicke zu uns Mzungus herüber. Ednas Hand schiebt sich langsam in meine und streicht über meine Finger. Ich glaube, sie findet die helle Hautfarbe und auch meine Haare faszinierend. Selbst Elisabeth testet später in einem - wie sie glaubt - unbemerkten Moment einmal aus, wie sich meine Haare anfühlen. :-D

Die Straße ist recht holprig und staubig, aber für unseren Geländewagen kein Problem. Seit vielen Wochen warten die Menschen hier nun auf Regen. Das sieht man auch den kleinen Feldern an. Der Mais ist größtenteils nur sehr mickrig gewachsen und häufig komplett verdorrt. Früchte tragende Halme können wir kaum entdecken. Wir sind froh, dass wir gestern noch ein paar Lebensmittel für die Familien eingekauft haben. 

Das Haus von Marions Familie steht auf einer kleinen Lichtung zusammen mit einigen anderen Häusern. Überall liegen Ziegelsteine herum. Eines der Häuser befindet sich noch im Bau, ein anderes hat kein Dach mehr und ist bereits teilweise zusammengebrochen. Die meisten Häuserdächer, die wir unterwegs gesehen haben, bestehen inzwischen aus Wellblech - so auch hier. Ein paar junge Männer stehen mit ihren Motorrädern im Schatten der großen Bäume. Einige kleinere Kinder laufen herbei und betrachten interessiert unsere Ankunft. 

Das Haus von Marions Familie ist von außen gut in Schuss. Als Marion uns nach drinnen führt, sehen wir uns erst einmal schweigend um. An der Wand, die der Tür gegenüber liegt, hängen ein paar Drucke von Jesus und Maria-Darstellungen. In der Mitte steht ein kleiner flacher Tisch zusammen mit den Resten eines Stuhls. Hinten in der Ecke befindet sich ein schwer identifizierbarer Stapel, der wohl zum Teil aus Metallkisten besteht. Aber auch diverse andere Dinge liegen herum, schwer zu sagen, ob Abfall, oder Kleinigkeiten, die fürs tägliche Leben noch gebraucht werden. Unter anderem ist auch ein alter (nicht mehr funktionierender) Schwarz-weiß-Fernseher darunter. Die Hütte ist klein und dunkel - gerade mal so groß, dass wir alle um den Tisch herum stehen können. Ein schmaler Bereich ist durch Tücher und Vorhänge abgetrennt. Was sich in diesem Teil der Hütte befindet, bekommen wir größtenteils nicht zu sehen. Und wir möchten auch nicht zu sehr in die Privatsphäre der Familie eindringen. Es scheint sich aber um eine Art Abseite zu handeln, die zu Lagerungszwecken genutzt wird. 

Marions Großmutter erscheint. Sie ist eine liebevolle, ernste Frau in einem fröhlichen Blumenkleid und traditioneller Kopfbedeckung. Sie spricht kein Englisch und Fred fungiert als Dolmetscher. 
So erfahren wir, dass Marions Eltern im letzten November eine heftige Auseinanersetzung hatten, Marions Mutter daraufhin die Familie verlassen hat und seitdem nicht mehr gesehen wurde. Marions Vater ist z. Z. auch nicht zu Hause, weil er "in die Stadt" auf Jobsuche gegangen ist, so dass die Verantwortung für Marion und ihre drei jüngeren Geschwister jetzt bei der Großmutter liegen. Geschlafen wird im Haus der Großmutter.

Die Hühner, von denen Marion einst geschrieben hatte, gibt es nicht mehr. Als wir Marions Großmutter fragen, ob sie noch irgendwelche Tiere haben, verneint sie, und erzählt uns, dass die letzten Hühner, die sie hatten, für die Beerdigung ihres Mannes verwendet worden seien. Um etwas zu essen kaufen zu können, arbeitet sie auf den Feldern für andere Leute. Pro Tag erhält sie zwischen einem und zwei Dollar. Zum Vergleich muss man wissen, dass die Lebensmittelpreise in Kenia im Verhältnis zum Verdienst extrem hoch sind. Kauft ein Einheimischer beispielsweise ca. 3 kg Tomaten sowie fünf große Speisezwiebeln, so kosten diese an einem Straßenstand in ländlichen Gegenden umgerechnet 5 Euro, während man in Nairobi sogar 15 Euro zahlen würde. Die „Touristenpreise“ sind natürlich noch höher. 

Als wir Marions Großmutter die mitgebrachten Lebensmittel zeigen, weiß sie erst gar nicht, was sie sagen soll. Sie bedankt sich viele Male bei uns, auch auf die - wie Fred uns erklärt - traditionelle kenianische Art. D. h., sie fällt vor mir auf die Knie, bevor ich es verhindern kann. Um mit ihr auf Augenhöhe zu bleiben, hocke ich mich zu ihr hin. Ich erkläre ihr, wie sehr wir es schätzen, dass sie sich so sehr für ihre Enkel einsetzt und sich um alle kümmert. Und, dass wir hoffen, dass die Kinder sich zu gegebener Zeit, wenn sie ihre Schulausbildung abgeschlossen und hoffentlich einen Job haben, dann bei ihr revanchieren und sich um sie kümmern werden. Marions Großmutter ist sichtlich gerührt.

Mit ihrer Erlaubnis machen wir noch ein paar Fotos von ihr und Marion. Dann geht es weiter zu Ednas Heim.

Wir müssen die Straße zurück, wieder an der Schule vorbei, denn Edna wohnt in entgegengesetzter Richtung. Es geht nicht besonders schnell voran, denn auch hier ist die Straße steinig und staubig. Edna scheint einen wesentlich längeren Schulweg zu haben als Marion, aber Fred versichert uns, dass es zu Fuß eine Abkürzung geben würde. Als wir an ein paar Feldern vorbeikommen, steht dort Ednas Großmutter und wartet auf uns. Für unseren Besuch unterbricht sie extra ihre Arbeit. Sie sieht allerdings gar nicht aus, als ob sie vom Feld kommen würde. Ihr Oberteil mit einem Muster aus blauen Blumen ist blütenweiß. Und auch ihr hellblauer, fast knöchellanger Rock zeigt keinerlei Flecke. Es ist mir ein Rätsel, wie sie die Sachen mit den hiesigen Hilfsmitteln überhaupt so blütenrein bekommt!

Wir rücken im Auto ein wenig zusammen und weiter geht’s. Je weiter wir kommen, desto enger wird der Fahrweg. Die Äste der Büsche und Bäume schleifen am Auto entlang. Einmal - als die Straße besonders schlecht und eng wird - muss Fred sogar aussteigen und ein Stück des Weges abgehen, um zu schauen, ob wir dort überhaupt noch durchkommen werden. Schließlich kommen wir zum Haus von Ednas Familie. 

Das Grundstück ist von Bäumen und Gebüsch umschlossen. Das Haus liegt wunderschön, wie auf einer Lichtung, und alles sieht so gepflegt aus! Im Garten gibt es neben vielen Baumarten, die wir nicht alle kennen, große Bananenpflanzen, Papaya-Bäume und sogar einen Jackfruchtbaum mit einer riesigen Frucht. Die Jackfruits, die von außen wie überdimensional große Kiwis aussehen, kennen wir eigentlich aus Indonesien und sind überrascht, dass wir sie hier in dieser trockenen Gegend antreffen. Es gibt ein großes Haupthaus, dahinter ein Kochhaus und noch ein weiteres Haus-„Gerippe“. 

Zunächst gehen wir zum Haupthaus. Es ist von einer kleinen Zierhecke umgeben. Die großen Fensteröffnungen mit jeweils 3x3 Scheiben sind von innen mit Tüchern zum Schutz vor der Hitze abgehängt. Der Putz ist zwar schon etwas rissig und an einigen Stellen ausgebessert, aber insgesamt macht das Haus einen sehr gepflegten Eindruck. Als wir durch die Eingangstür eintreten, kommen wir aus dem Staunen nicht heraus. Welch ein Unterschied zu Marions Behausung! Der Innenraum ist im Vergleich riesig. Auch hier gibt es noch einen abgetrennten Lagerraum, der mit einem Vorhang verschlossen ist. Alles sieht sehr ordentlich aus. Neben zwei Tischen gibt es zwei große Sofas mit vier riesigen Sesseln. In einer Ecke stehen zwei Fahrräder - wenn ich mich richtig erinnere, ein Geschenk von früheren Paten. Später erfahren wir, dass abends die Möbel zur Seite gerückt und Matratzen zum Schlafen aus dem Nebenraum geholt werden. Dann schlafen hier 8 Personen. 

Wir lernen Ednas Großvater kennen - einen freundlichen, ruhigen, aber auch etwas gebrechlich wirkenden alten Herren. Auch die Tante und Ednas Cousine Phoebe (die wir bis dahin für ihre Schwester hielten) kommen noch hinzu. Ednas Tante macht einen etwas zurückgebliebenen Eindruck. Aber als mein Blick auf Phoebe fällt, freue ich mich sehr: Aus dem früher auf den Fotos immer etwas plump wirkenden Mädchen mit kahl geschorenem Kopf ist eine wunderschöne, schlanke junge Frau mit einer kunstvollen Hochsteckfrisur geworden. Später erfahren wir, das Phoebe, nachdem sie das ZEC leider verlassen musste, weil sie ihre Patin verloren hatte, an einer anderen Schule ihren Abschluss und danach sogar die Highschool gemacht hat. Jetzt wartet sie auf einen Platz, um sich als Krankenschwester ausbilden zu lassen. Die Kosten hierfür wird ein Onkel übernehmen. 

Nach der Begrüßung werden wir gebeten, uns alle hinzusetzen. Ednas Großmutter bleibt stehen. Sie macht einen sehr ernsten, feierlichen Eindruck. Fred erklärt uns, das sie jetzt gemeinsam mit uns beten möchte. Und dann beginnt sie zu sprechen. Wir verstehen zwar ihre Worte nicht, aber alleine ihre feste Stimme und ihr Gesichtsausdruck fesseln uns. Was für eine charismatische Frau! Es besteht kein Zweifel, wer für das Wohlergehen dieser Familie die Verantwortung trägt!

Fred übersetzt uns den groben Inhalt des Gebets. Für die Familie ist es fast unvorstellbar, dass wir eine so weite Reise unternommen haben und sie uns jetzt persönlich kennenlernen. Sie sind alle sehr dankbar, aber auf eine erfrischend selbstbewusste Art und Weise. Hier haben wir das Gefühl, dass die Hilfe wirklich ankommt. Ednas Großmutter spricht recht gut Englisch und sie scheint erkannt zu haben, wie wichtig die Bildung für Zukunft ihrer Enkelkinder ist. 

Wir übergeben ihr die mitgebrachten Lebensmittel. Und obwohl die Familie auch ein eigenes Feld hat, auf dem u. a. Mais und Bohnen angebaut werden, scheinen die Sachen in dieser kargen Zeit ein sehr willkommenes Geschenk zu sein. 

Jetzt schauen wir uns noch etwas genauer auf dem Grundstück um. Neben dem Haupthaus gibt es einen riesigen über mannshohen geflochtenen Korb mit Dach auf einer Holz-Stein-Konstruktion, der - wie uns Ednas Großmutter erklärt - als Vorratsspeicher genutzt wird. Es gibt ein paar Hühner auf dem Grundstück und einen Hund (Ednas Hund, wie sie uns stolz erzählt), der ebenfalls frei herumläuft. 

Bei dem Haus-„Gerippe“ entdecken wir das Solarlicht, das Edna zu Weihnachten bekommen hat. Hier macht die Familie Holzkohle selbst, die später wohl auch verkauft wird. 

Das Küchen-Haus hinterlässt bei genauerem Hinsehen einen traurigen Eindruck, weil hier vor kurzem die Rückwand teilweise weggebrochen ist und es nun nur noch drei Wände gibt. Auch das Strohdach hat schon einige lichte Stellen, die notdürftig ausgebessert wurden. In der einen vorderen Ecke im Haus befindet sich die Kochstelle: Drei große Steine, in deren Mitte das Feuerholz platziert werden kann, und auf die dann die Töpfe zum Kochen gestellt werden. Neben den Töpfen und einem riesigen Holzlöffel liegen noch verschiedene andere Gefäße herum. In der Mitte stolpern wir beinahe über ein Decken-Bündel auf dem Fußboden, das sich später als das Baby von Phoebes Mutter herausstellt, das diese dort zum Schlafen hingelegt hatte. 

Nun wird es Zeit, sich zu verabschieden. Ednas Großmutter umarmt mich und flüstert mir noch ein „Don’t forget us“ zu. Ich versichere ihr, dass das niemals geschehen wird. Wir nehmen sie wieder ein Stück des Weges mit, bevor es dann zurück zur Schule geht.

 

Als wir von den Familienbesuchen wiederkommen, gehen wir zunächst wieder kurz in Freds Büro. Draußen sehe ich ein paar der jüngeren Kinder vorsichtig durch die Fenster spähen. 
Ich schnappe mir ein paar Seifenblasen und gehe hinaus auf den Schulhof. Etwas entfernt von den Kindern bleibe ich stehen und öffne den Schraubverschluss der Seifenblasen. Die Kleinen rücken neugierig ein Stückchen näher. Als ich ihnen die ersten Seifenblasen entgegen puste, geht ein Kreischen durch die Menge und die Kinder springen erschrocken einen Meter zurück. So etwas haben sie anscheinend noch nie gesehen! Bei den nächsten Seifenblasen ist der Schreck schon nicht mehr so groß und sie rücken wieder ein Stückchen näher. Spätestens bei der fünften Seifenblasenwolke habe ich eine begeistert jauchzende Kindermenge um mich herum stehen, die gar nicht genug bekommen kann von diesem „Wunder“. Sie versuchen die bunten „Kugeln“ zu fangen und hüpfen kichernd und kreischend herum. Ich versuche ihnen zu zeigen, wie man pusten muss, damit es schöne Blasen gibt und lasse es dann einige Kinder versuchen. Nach einigen Fehlversuchen gelingt es schließlich dem ersten Jungen, eine Seifenblase zu „zaubern“. Da ich von diesen kleinen Mini-Seifenblasenfläschchen noch etwa 20 Stück habe, gebe ich meines dem Jungen, der es zuerst geschafft hatte. Nun wollen natürlich alle.Möglichst gerecht verteile ich die Fläschchen unter den KIndern,bis es wieder Zeit ist, dass alle in ihre Klassenräume zurückkehren.

Der Vormittag ist wie im Fluge vergangen. Jetzt ist für die Kinder erst einmal Essen angesagt. Gegessen wird klassenweise, begonnen mit der Babyclass. Vor dem Essen müssen natürlich zunächst die Hände gewaschen werden. Alle stellen sich schön der Reihe nach an und warten, bis sie dran sind. Danach geht es zur Essenverteilung. Bei der großen Anzahl der Kinder dauert es - trotz der guten Organisation - doch recht lange, bis jedes Kind etwas zu essen bekommen hat. Die Kinder nehmen ihre Teller einfach in die Hand und stellen sich irgendwo auf dem Schulhof zum Essen hin. Gegessen wird natürlich mit den Fingern. 

Mein Mann macht sich auf, um einen geeigneten Platz für die Klassenfotos zu suchen, mit denen wir die zu Hause gebliebenen Paten überraschen wollen. 
Dann essen auch wir eine Kleinigkeit. Da wir nicht gleich zu Beginn unserer Reise eine Magenverstimmung riskieren wollen, gibt es nur einen Energieriegel und etwas Wasser. 
Wir machen noch ein paar Fotos von den Kindern und dem Schulgelände. Schließlich sind die ersten Klassen bereit fürs Foto. 

Fred holt die Kinder klassenweise zu uns - beginnend mit den kleinsten, der Babyclass. Die Kleinen sind recht schüchtern und wissen zuerst nicht so recht, was wir von ihnen wollen. Also dauert es etwas, bis wir die Kinder mit Freds und Elisabeths Hilfe aufgestellt haben. Nachdem wir ein „normales“ Klassenfoto gemacht haben, hole ich den ersten Karton mit den Lollis, die wir aus Deutschland mitgebracht haben, aus dem Auto. Als jedes Kind der Klasse einen Lolli erhält, geht natürlich ein Strahlen durch die Menge. ;) Elisabeth sichert sich auch gleich einen Lolli für ihren kleinen Sonnenschein. Nun machen wir noch Fotos mit Lolli. Damit das ganze Foto-Shooting sich nicht unnötig in die Länge zieht, hat Fred gleich ein paar Klassen gleichzeitig geholt. So wird die Menge der Kinder, die um uns herum stehen und zuschauen, immer größer und der Platz immer enger. 
Im Eifer des Gefechts versäumen wir es leider, uns rechtzeitig um die „Abfallentsorgung“ zu kümmern. Eigentlich hatte ich einen leeren Karton mit entsprechender Erklärung bereitstellen wollen, damit die Kinder die Verpackung der Lollis und die Stiele dort hineinwerfen können. In der ganzen Hektik ist unser guter Vorsatz aber leider untergegangen, so dass innerhalb kürzester Zeit überall Lolli-Folien herumfliegen, da die Kinder sie dort, wo sie stehen, einfach auf den Boden werfen. Auch für Elisabeth, die den Anfang macht, scheint das eine ganz normale Form der Abfallentsorgung zu sein. :( 

Was uns schon vorher aufgefallen ist, aber jetzt bei den Klassenfotos natürlich ganz deutlich wird: Inzwischen tragen fast alle Kinder eine Schuluniform. :) Die Hosen, Röcke und Blusen machen einen guten Eindruck und scheinen recht haltbar zu sein. Nur wenige Kleidungsstücke weisen Risse oder Löcher auf. Ganz anders sieht es mit den Pullovern aus. Viele der Pullover sind zerrissen oder haben riesige Löcher. Teilweise fehlen die Ärmel halb oder sogar ganz. Selbst bei den älteren Schülern hängen die Pullover teilweise nur noch wie ein Fetzen über der Uniform. 

Nach und nach arbeiten wir uns fotomäßig durch die Klassen durch. Mit den vielen Kindern um uns herum ist das eine fröhliche Angelegenheit. Und selbst die älteren Schüler freuen sich sichtlich über die Lollis und machen jede Menge Faxen für die Fotos. Nachdem die Klassenfotos im Kasten sind, kommen natürlich auch noch Fred und Elisabeth mit ihrem kleinen Sonnenschein an die Reihe. Und auch uns lässt Fred nicht ohne ein Foto „davonkommen“. 

Danach holt Fred auf unseren Wunsch noch einmal Edna und Marion mit ihren Geschwistern zu uns. Für die Geschwisterkinder haben wir noch etwas Sportkleidung, aus der unsere Kinder herausgewachsen sind, mitgebracht. Wir fotografieren die Kinder in verschiedenen Konstellationen und Fred macht netterweise auch noch ein Gruppenbild von uns. 

Langsam bedeckt sich der Himmel immer mehr. Die vorhin noch strahlende Sonne weicht langsam dunklen Wolken. Ich schnappe mir den Fotoapparat, um schnell noch ein paar Fotos auf dem Schulhof zu machen. Die Kinder haben natürlich sofort mitbekommen, was ich vorhabe. So habe ich schnell wieder eine Kindertraube um mich herum. :-) Jeder möchte auf ein Foto. Viele rufen „Me, me, me!“, um meine Kamera in diese Richtung zu lenken. Ein Junge wird von seinen Klassenkameraden sogar hochgehoben, um auf jeden Fall aufs Bild zu kommen! Sie haben jede Menge Spaß dabei - und ich auch. :-)

 

Da die Wolken langsam immer dunkler werden und wir nicht wissen, wie sich die Straßenverhältnisse bei dem zu erwartenden Gewitter entwickeln werden, müssen wir langsam an die Rückfahrt denken. Wir übergeben Fred noch das mitgebrachte Schulmaterial und die Kleidung für patenlose Kinder und verteilen dann die übrig gebliebenen Lollis und andere kleine Geschenke an die Kinder. Nun ist es Zeit, sich zu verabschieden. Die Herzlichkeit, die uns hier entgegengebracht wurde und die vielen fröhlichen, aber auch die ernsten Gesichter der Menschen in Funyula werden wir sicher nie vergessen. Zum Abschied strecken sich uns viele Kinderhände entgegen. Und als wir vom Schulhof fahren, fallen die ersten Tropfen - endlich ist er da, der von den Menschen so lange herbeigesehnte Regen!